ouk magazin

gleich mit ihrem ersten release "senden&empfangen" haben der 24-jaehrige pc-supporter maurizio blanco und der 21-jaehrige designauszubildende boris may aus reutlingen einen paukenschlag gelandet, der nicht nur bei uns fuer grosses aufsehen sorgte, sondern auch beispielsweise den vorzeigewiener patrick pulsinger hellauf begeisterte. schraege sounds, arhythmische beats und experimentelle strukturen lassen freunde anspruchsvoller musik hoffnungsvoll in die zukunft blicken. grund genug, mich mit den beiden symphatischen kuenstlern bei mir zu hause zu treffen, um ein bisschen ueber dies und das zu plaudern...

ouk: erzaehlt mal ein bisschen ueber die entstehung von klangstabil, ueber eure musikalischen roots ect.

mauri: ich komme eigentlich aus der hip hop-, rap- und breakdanceszene, beschaeftige mich also schon fast mein ganzes leben mit elektronischer musik. mit 8 habe ich angefangen klavier zu spielen, allerdings ohne noten. 1987 begann ich, geraete zu kaufen und eigene ideen damit umzusetzen. am anfang habe ich vor allem filmmusik versucht..

boris: ich habe in den 80er jahren hauptsaechlich synth-pop wie depeche mode gehoert und um 1989 dann mit technoider musik begonnen. frueher habe ich floete, geige und klavier gespielt, aber mit synthis arbeite ich erst, seit ich mauri getroffen habe.

ouk: wann war das?

mauri: so ende 1994. ich habe in einem club dem dj ein dat von mir in die hand gedrueckt und er hat es dann auch laufen lassen. er hat mich dann gefragt, ob wir nicht mal etwas gemeinsam machen wollen. wie es der zufall so wollte, war boris damals ganz gut mit besagtem dj befreundet und ist einfach mitgekommen. seitdem ist er nicht mehr von den geraeten wegzukriegen.

boris: anfangs hatte ich keine ahnung, aber inzwischen habe ich mich eingearbeitet...

ouk: wie kam es dann zur zusammenarbeit?

boris: wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass wir auf der gleichen welle senden. egal wer von uns jetzt etwas macht, es ist immer klangstabil. es hat sich ein wille herauskristallisiert, eine vision, musik neu begreifbar zu machen, quasi eine akustische antwort auf die frage zu geben, was kommt als naechstes. wir haben einige zeit gebraucht, um herauszufinden, wo wir hinwollen und auf diesem weg viel muell produziert, aber jetzt sind wir soweit.

ouk: habt ihr einen bestimmten stil?

boris: nein, es gibt keinen stil, wir nennen es "forschen". es ist alles moeglich, man kann alles verwenden, alles ist erlaubt. wir wollen synthis vergewaltigen, sie schreien, weinen, lachen, ja sogar reden lassen...

ouk: reden?

mauri/boris: ja. vor kurzem hat ein synthi zu uns gesprochen, da kamen worte raus, in einer fremden sprache und das hat jetzt nichts mit drogen zu tun, oder so ein scheiss. wir haben zugehoert, er hat es nur uns erzaehlt. verdammt, warum haben wir kein dat mitlaufen lassen, das machen wir sonst immer.

ouk: ihr habt zweifellos eine besondere beziehung zu euren geraeten...

boris: klar. synthis sind unsere kinder, sie koennen leben. man muss sie nur zum leben erwecken. sie sind immer dazu benutzt worden, natuerliche toene, wie violinen oder celli nachzuahmen, aber das ist falsch. man muss etwas neues daraus machen. kinder wollen auch nicht immer nach den regeln handeln, sie wollen leben. das versuchen wir rauszuholen. wir lassen uns ueberraschen von unseren geraeten. es ist teamwork. wir verbieten ihnen nichts. wir wollen zeigen, dass synthis mehr koennen, als sterile saubere sounds zu erzeugen. es wird immer weitergehen...

ouk: ...musik als traeger von ideen. ihr seit kraftwerkfetischisten, warum?

boris:
wir haben lange darueber nachgedacht und es fuehrt kein weg daran vorbei. kraftwerk ist der ursprung fuer alles. das muss man ehren, jeder muss es checken, wo alles herkommt. ohne kraftwerk kein techno, industrial, ich weissīnicht, ndw sicher, electro, all die ganze scheisse, pop, erasure, camouflage, die ganzen synthie-sachen, ein ursprung, alles zentralisiert sich in einem punkt: kraftwerk. sie haben massstaebe gesetzt.

ouk: was ist mit stockhausen, schulze ect.?

boris: ja sicher, die darf man nicht vergessen, aber kraftwerk hat energien, gedankengut in einer weise verarbeitet, wie nie jemand zuvor...

ouk: ...und haben auch euch entscheidend beeinflusst?

boris: ja, auf jeden fall. aber nicht in der weise, dass wir sie nachahmen. wir haben kraftwerk gespielt, gelebt, wir haben die gleichen gedanken wie sie, sie verstanden, aber wir fuehren dieses denken in unserer weise aus.

mauri: einmal wollten wir einen track megaherz, also nicht wie die einheit megahertz mit tz, sondern megaherz nennen und haben erst spaeter gemerkt, dass es einen gleichnamigen track von kraftwerk gibt. wir hatten den genau gleichen verfickten gedankengang wie sie damals. das sagt doch alles. natuerlich kann kein mensch sich anmassen, so zu sein, wie kraftwerk, aber wir haben einfach kapiert, worum es geht.

boris: ...und wenn die jetzt beim mayday auftreten, bekomme ich einen kotzkrampf...

mauri: ...und ich kotz mit...

boris: damit zerstoeren sie alles, was sie aufgebaut haben. ihr habt schon alles gemacht, alles erreicht. ihr werdet immer die nummer 1 des electro sein, in 10, in 100, in 200 jahren, kapiert ihr nicht?

mauri: jetzt flippt er aus. aber wenn sie etwas neues machen und das der hammer ist, lieg ich am boden...

boris: mayday waere das aus, dann gebe ich ihre telefonnummer oeffentlich bekannt, damit jeder wichser, jeder fan sie anruft und ihnen sagt, was sie fuer einen scheiss gebaut haben.

ouk: ihr habt ihre telefonnummer? hattet ihr schon mal kontakt?

mauri: ich habe in einem alten buch die telefonnummer von ralf huetter gefunden und habe dort angerufen. es fehlte eine zahl, worauf mich eine telekomstimme hinwies und die neue nummer stimmte dann wirklich. es war ein anrufbeantworter dran.erst kamen ein paar frequenztoene, dann eine stimme "telefon und fax" und schliesslich noch ein signalton. boris und ich haben ihm dann alles durchgefaxt, was uns eingefallen ist, bilder, lebenslauf, einfach alles, 7 oder 8 seiten, sogar ueber unsere freundinnen haben wir geschrieben, unsere sorgen, alles...

ouk: was?

boris: klar, man muss sich doch an jemanden wenden, der gleiche gedanken hat...

mauri: als ich mal wieder angerufen habe, einfach so, um etwas drauf zu sprechen oder so, kam mir voellig ueberraschend ein "hallo?" entgegen. ich habe sofort wieder aufgelegt. nach langem zoegern habe ich dann noch mal angerufen. wieder kam die stimme und dieses mal habe ich mich ueberwunden. ich habe mich vorgestellt und gefragt, ob er die faxe bekommen hat. er erwiderte dann sowas wie "ja, klangstabil, habe ich bekommen". verstehst du? ich meine, ich habe mit gott geredet und der hat klangstabil gesagt, das ist doch der hammer, oder?

ouk: habt ihr ihm eure platte geschickt?

mauri: ja, aber sie kam ungeoeffnet zurueck, mit der nachricht, der empfaenger sei nicht ermittelbar. das ist schon enttaeuschend gewesen.

ouk: was wuerdet ihr davon, halten mit huetter und co. zusammen zu produzieren?

mauri: nein, hoechstens jammen...

ouk: gemeinsam ideen sammeln?

boris: was heisst ideen sammeln? wir haben schon alles kapiert. wir wissen, wo die gedanken herkommen, daher koennen wir selber was daraus machen. ideen sind ideen, jeder hat andere, es ist alles kreativ. ich habe keine lust, ideen von kraftwerk zu uebernehmen. wir haben unsere eigenen, wir entwickeln sie selber.

ouk: wie vereinbart sich das mit eurer bewunderung fuer kraftwerk?

mauri: naja, das eine schliesst das andere doch nicht aus. kraftwerk ist unerreicht, aber wir sind klangstabil und eben nicht kraftwerk 2. wir wollen auch mit keinem anderen zusammen produzieren.

ouk: wie produziert ihr?

boris/mauri: zu 90% jammen wir. wir lassen immer ein dat mitlaufen. es muss spontan kommen, sonst kommt es nicht wahr. wir arbeiten nicht mal mit einem computergesteuerten sequenzer. wenn wir auftreten ist alles live, kein dat. da wuerden wir uns ja selber beluegen.

ouk: was sagen eure eltern zu eurer platte?

boris: meine mutter findet sie gut. sie nimmt sie zu ihrem malkurs mit...

mauri: meine mutter wollte eine, obwohl sie keinen plattenspieler hat. sie sammelt alle flyer, auf denen unser name steht. und das obwohl ich seit einem 3/4 jahr alleine wohne ( grinst)

boris: ja, im studio!

ouk: was bedeutet klangstabil?

boris: wenn ein alter synthie einen ton ohne abweichung erzeugt, dann ist er klangstabil, etwa so, wie wenn ein klavier stimmig ist.

ouk: wo wollt ihr hin? grosse auftritte?

mauri: nein, absolut nicht. wir feilen lieber zu hause an neuen tracks, als aufzutreten. das ist einfach zu stressig. wir bauen alles auf, muessen sehen, dass nichts kaputt geht, niemand etwas klaut...also da muss schon der gegenwert stimmen. das muss nicht geld sein, dass kann auch ein plattendeal sein, oder sonst etwas.

boris: geld, das verfickte geld. spass wird nicht an geld gemessen. geld ist fuer uns sowieso nur tauschmittel fuer neue synthis. das ist wie bei dir mit deinen platten. ich will irgendwann mal alle synthies der welt und so viele kraftwerkplatten, wie moeglich haben, also nicht nur einfach, sondern dreissigfach oder hundertfach. darum haben wir auch einen manager, weil wir mit geld nicht umgehen koennen. ausserdem geht es da um das prinzip. wieso sollten wir uns abmuehen, unsere ideen preisgeben, wenn die veranstalter die dicke kohle dabei verdienen und wir uns nicht mal einen doener an der ecke kaufen koennen.

ouk: ich sehe das ganz genauso. interessiert ihr euch fuer die meinung anderer leute?

boris: im grunde ueberhaupt nicht. wir haben zwar freude daran, andere statements zu hoeren, es ist interessant, aber die werden nie verstehen, wie wir denken, niemals so denken, nie das gedacht haben, was wir gedacht haben. was wir durchlebt haben fuer unsere tracks, pein, freude u.s.w., das werden die niemals checken. wir haben so viele dekaden im breitgefaecherten musikspektrum gedanklich durchschritten, gelebt, um das vernommene zu begreifen, das uns alltaeglich umgibt. wir produzieren nur fuer uns. das ist unser leben. auf platte gepresst haben wir das nur, weil vinyl einfach cool ist, vielleicht auch fuer unser selbstwertgefuehl, damit wir wissen, dass wir nicht nur scheisse machen. aber das wissen wir sowieso. da kann kein mensch mithalten, da muesste er so denken wie wir...

mauri: dazu faellt mir etwas ein. als ich einmal im shokoy war, hat ein kunde unsere platte angehoert und gesagt: es ist eine pure frechheit, so einen scheiss auf vinyl zu pressen. so etwas macht uns sehr stolz, denn es ehrt uns, wenn nicht jeder auf unsere musik steht, es soll ja etwas besonderes sein.

ouk: glaubt ihr an ausserirdisches leben?

mauri: ja, in form von synthies. nein, im ernst, ich glaube daran.

boris: ja. doch. es gibt so viel platz da draussen...

ouk: was habt ihr fuer geraete?

boris: das wollen wir nicht unbedingt sagen, denn sowas treibt die preise hoch. nur soviel: zur zeit liegt fuer uns die wahrheit in analogen geraeten.

ouk: boris, du baust auch selber alte geraete um?

boris: naja, ich erwecke sie neu zum leben. ich habe zum bsp. ein stueck aus einem geraet separiert, es modernisiert, brauchbar fuer uns gemacht. aber es hat immer noch sein eigenes leben, wir veraendern nicht sein wesen.

ouk: gibt es musik, die ihr verachtet?

boris: es gibt nur gut und schlecht.

mauri: ich hasse alles, was volksverarschend ist...wenn leute musik machen, die nichts damit zu tun haben...

ouk: welches war eure allererste platte?

mauri: kim wilde: cambodia.

boris: sesamstrasse.

ouk: die erste party mit elektronischer musik? die beste?

boris: das war eine mantaparty (wo ein manta kaputtgeschlagen wurde) mit front 242 und sowas. die beste war eine ganze nacht. wir waren erst bei einer freundin kuehlschrank ausrauben, im bett der eltern rumliegen ect. und sind dann ins ohm nach mannheim gefahren, ich habe breakbeats nie wieder so empfunden, wie auf dieser party...

mauri: die beste war eine "innere-zerstoerungsparty", wie wir es nannten. wir hatten auch den kuehlschrank ausgeraubt und wurden von der gastgeberin in den keller gesperrt. wir fanden das gar nicht nett und da lag diese axt. naja, die tuer war kleinholz und wir frei...

ouk: was macht ihr sonst noch neben der musik?

boris: computer spielen, frauen verstehen lernen...

mauri: und kampfsport.

ouk: geht ihr in clubs.

boris: nein, nicht mehr. "frueher" ist vorbei, es macht keinen spass mehr. ausserdem wollen wir keine inspiration, das wuerde nur unsere ideen verfaelschen.

ouk: eure lieblingsfilme?

boris/mauri: flucht in das 23.jahrhundert, dune-der wuestenplanet, brazil, der exzorzist 1, starwars etc.

ouk: wollt ihr noch etwas sagen?

mauri: ja, wir suchen einen raum fuer unsere geraete, 30 m x m, kuehlschrank, maitressen...(wer etwas weiss meldet sich bei unserer redaktion)

am ende verloren wir uns noch in einem gespraech ueber creuzfeld-jakob, noch nicht druckreife angebote etc. bis sie mich schliesslich in richtung einer amerikanischen hackfladenkette verliessen. es bleibt noch zu sagen, dass "senden und empfangen" noch einmal neu aufgelegt wird. wer die platte also noch nicht hat, sollte diese chance nutzen...

(das interview fuehrte motik) www.ouk.de

klangstabils 20 platten fuer die ewigkeit:
kraftwerk: computerliebe
l.f.o.: we are back
aphex twin: on
freestyle: the party has just begun
tokotronik: gitarrenhaendler
depeche mode: stripped
depeche mode: never let me down again
public enemy: fight the power
beasty boys: paulsīreverse
jean-michel jarre: equinox
klaus schulze: irrlicht
kraftwerk: radioaktivitaet
mouse on mars: die innere orange
iz and tone: ich dissīdich
the alliance: realize
the egyptian lover: egypt egypt
prodigy: charly
cybotron: clear
unknown dj: 808 beats
africa bambata & soul sonic force: planet rock
anne clarke: diverse