artefakt magazine

fragen: hendrik kroez

angewandte organische physik im akustikbereich - ein schaltkreis fuellt sich mit leben. der ort: ein zimmer 50 km suedlich von stuttgart, eingekreist von einer umgebung, die von den ausfuehrenden des experiments eher mit gemischten gefuehlen betrachtet wird. miteinander verbunden sind: viele analog konstruierte geraete, die zu einer fiktiv gedachten tonquelle (mit der bezeichnung 'klangstabil') gebuendelt sind, ein uebermittler (das label 'megahertz'), zwei impulsgeber (organische wesen mit den namen maurizio blanco und boris may), und am anderen ende du, der hoerer. nicht zu vergessen: zwei koordinaten, die dafuer sorgen, dass die balance nicht ins kippen geraet - a) wenn im zimmer der strom angeht, muessen einige monate ins land gehen, bis etwas auf der anderen seite zu vernehmen ist (zeit). b) am schallwellen-austrittspunkt duerfen nicht zu viele empfaenger (beim grossteil der veroeffentlichungen nicht >300) befestigt sein, sonst ist allumgreifender intensitaetsabfall die folge (masse). zu verfolgen ist der versuch circa zweimal pro jahr, die ankuendigung findet sich an einer bestimmten stelle im internet (http://www.klangstabil.com). 'klangstabil' bedeutet die analoge erzeugung eines tons ohne frequenzschwankung. im mittelpunkt des projekts steht jedoch kein klinischer exaktheits-perfektionismus (oder der phallische beweis von musiktechnologischer unfehlbarkeit), sondern vielmehr der schwierige wunsch, klang zu erzeugen, der das genaue abbild einer im moment seiner entstehung dahinterstehenden emotion (vielleicht zufriedenheit, wut, trauer, gleichgueltigkeit) darstellt und damit einem alle faktoren des systems durchdringenden prinzip von aufrichtigkeit untergeordnet ist: "wir sehen die musik als eine art freund, wir koennen uns ueber alles unterhalten. jemand, der uns zuhoert. jemand der da ist!" (zitat aus einer mail von maurizio blanco an den verfasser). "synthis sind unsere kinder, sie koennen leben. man muss sie nur zum leben erwecken" (boris may in einem interview fuer ouk) "es gibt nur eine person, auf die ich mich verlassen kann, und das ist boris." (maurizio im interview mit bildschirm magazin, 12/98). wo kraftwerk die unvollkommenheit des menschlichen organismus einer exakten maschinenaesthetik gegenueberstellen, versuchen klangstabil - die darauf verweisen koennen, zumindest die tuerglocke des klingklang-studios in duesseldorf fast schon einmal mit eigenen haenden beruehrt zu haben - das von ihren helden trotz unuebersehbarer brueche gefeierte modell einer produktiven, sogar mit etwas aehnlichem wie freundschaft erfuellten beziehung zwischen (scheinbar stabiler) maschinenratio und der wechselhaftigkeit menschlicher emotion in die tat umzusetzen - nicht epigonal, sondern mit allem, was sie tun. add n to x: die unschuldige grundformel von telekommunikation - "senden und empfangen" - wird (in vollem bewusstsein aller uns tagtaeglich ins gesicht schlagenden formen ihres missbrauchs) mit jeder klangstabil-veroeffentlichung aufs neue zum brueckenschlagenden, heilenden prinzip ausgerufen. zur kontaktaufnahme mit uns empfaengern - wenn man um die qualitaet ihres angebotenen materials weiss, ist man geneigt, diesen vorgang eher "anfixen" zu nennen - verwenden klangstabil naheliegenderweise das internet. neben ihren aktuellen veroeffentlichungen finden sich dort auch auszuege aus "boehm - gott der elektrik", einer grossartigen, in 12 inches verpackten huldigung an den erbauer des vollkommensten tasteninstruments auf diesem planeten - ueber das in stuttgart die fuer diese region unglaubliche geschichte kursiert, ein heimorgler habe einst seinen mercedes samt garage versetzt, um sich ein exemplar in sein (noch vorhandenes) wohnzimmer zu stellen. ich sandte meine fragen an die beiden und konnte via e-mail folgende antworten empfangen:

frage 1:

ich finde, dass eure tracks ziemlich dezentriert klingen, stromfoermig, und ohne dominierende stimme. ihr sprecht im zusammenhang damit von ,,monochronie". welche absicht (oder ueberzeugung) steckt dahinter?

zu frage 1:


wir sind monochronisten - wenn du anfaengst aufzuschreiben, wann man zeit hat, um auf die toilette zu gehen, weisst du was wir meinen, fuer uns ist das alltag. einerseits ist dieser monochronismus notwendig, andererseits wissen wir nicht, wie sehr er unseren charakter veraendert hat und veraendern wird. wir wollen grundsaetzlich nicht zeit mit musik verbinden. bei "fuenf minuten klangstabil" war das allerdings der fall. wir wissen, dass monochronismus krank machen kann, wenn er nicht mehr in frage gestellt wird. notwendig ist er, wenn es um organisatorische dinge geht. wie beispielsweise einen auftritt vorbereiten und durchfuehren. er ist auch von notwendigkeit, um das system zu beherrschen, besser, genauer und zuverlaessig zu sein. der "sieg der monochronisten" ist bestaetigt. wichtig ist es, dass wir menschlich bleiben. die musik hilft uns dabei.

frage 2:

existiert eine visuelle komponente eurer musik? wenn ja, was ist euch wichtig, wenn ihr videos macht?

zu frage 2:


unsere musik zu visualisieren ist fuer uns die notwendigkeit, eine 1:1- beziehung zwischen unserer musik und dem visuellen medium (z.b. video) herzustellen. dabei setzen wir den klar durchdachten, monochronistischen aufbau unserer musik genau so in das visuelle medium um, wie wir unsere musik verstehen. ohne erwartungen sollen die musikalischen strukturen vom anfang bis zum ende visuell erlebbar werden und den oft als chaotisch empfundenen musikalischen teil unserer arbeit durch die moeglichkeit der visuellen wahrnehmung homogenisieren. fuer uns ist der einklang von musik und video eine verschmelzung zweier ausdrucksformen, bei der das eine element ohne das andere nicht existieren kann.

frage 3:

ich musste beim hoeren eurer platten immer wieder an bestimmte elemente in john carpenter-filmen denken, vor allem natuerlich die soundtracks, aber auch bildlich gesehen (die total reduzierte farbpalette). wie gross ist dieser einfluss auf euch?

zu frage 3:


einfluesse dieser art, ob bewusst oder unbewusst, sind sicher in unserer musik zu erkennen. zu nennen sind dabei sam raimi und dario argento, die noch vor der entstehung von klangstabil ideen fuer die damals noch mystischeren klangbilder ausgeloest haben. fuer uns war dies ein erster schritt in der entwicklung zur konkreten, aber nicht minimalistischen musik. erst nach der entstehung von klangstabil kam es zur verwendung von harshen beats in unserer musik. als rueckkehr zu diesem ursprung ist auch unser letztes projekt zu sehen. in dem kurzfilm stigma, fuer den wir den soundtrack und die gesamte vertonung realisierten, hatten wir die moeglichkeit, diese frueheren einfluesse wieder aufzugreifen und neu umzusetzen.

frage 4:


warum findet ihr es wichtig, inmitten eurer musik, die sich schon ziemlich puristisch und missionsartig dem material elektronik-klang widmet, als menschliche individuen mit gesicht erkennbar zu sein?

zu frage 4:

das ist wichtig, fuer den kommunikationsaufbau. wir verstecken uns nicht oder bauen eine scheinwelt um uns auf. unser ziel ist es, eine unkreative realitaet evolutionaer zu zerstoeren, deshalb muessen wir erkennbar sein.

frage 5:

wer gehoert im moment zum megahertz/klangstabil-kosmos? denkt ihr daran, andere projekte zu betreuen, oder bleibt nicht genug zeit, weil ihr das ganze ja nicht hauptberuflich macht?

zu frage 5:

du hast recht, man kann das ganze inzwischen mit einem "kosmos" vergleichen. wir haben am anfang selbst nicht daran gedacht, wie gross das ganze wird. mit unserer musik haben wir nicht nur viele menschen erreicht. menschen, die grundverschieden sind in ihrer art, und genau das macht diesen kosmos so gross und interessant. selbst, dass wir dieses interview geben duerfen, gibt uns die moeglichkeit, mit ganz anderen menschen kontakt aufzunehmen. die kontakte der letzten jahre haben uns auf die idee mit den tapes gegracht. in dreimonatigem abstand, werden jeweils 100 tapes herausgegracht, mit jeweils sechs kuenstlern. der erste track ist immer von uns, alle weiteren, von kuenstlern, die lust haben, etwas bei uns zu veroeffentlichen. am schluss, so in vier bis fuenf jahren, wird es dann genau 24 tapes geben. es wird naemlich das ganze griechische alphabet in der namensgebung durchgemacht, welches bekanntlich 24 buchstaben hat. vor kurzem ist beta erschienen. dieses tape ist sehr vielseitig, von noise bis zu eigenwilligem drum`n`bass ist alles geboten. einschliesslich zweier hoerspiele. es ist also alles erlaubt. wir wollen menschen mit den tapes eine plattform geben, auf der sie sich austoben koennen und uns selbst natuerlich ein paar traeume erfuellen. z.b. wird conrad schnitzler ein stueck bei uns veroeffentlichen, was fuer uns eine grosse ehre ist. so wird der kosmos immer groesser und jeder, der es ernst meint, kann teil von ihm werden.

frage 6:

eure tracks haben namen, die nicht immer nur klangtechnologische bezeichnungen sind, sondern auch ziemlich ernst gemeinte statements ueber den zustand der gesellschaft abgeben. das ist in der welt der elektronischen musik, die ja oft einfach nur funktional oder "huebsch" sein will, ungewoehnlich. versucht ihr damit, ein bestimmtes vakuum, das durch die elektronische abstraktion und "reinigung" von klaengen automatisch entsteht, wieder mit fassbarer bedeutung und botschaften zu fuellen?

zu frage 6:


es gelang uns nie, musik zu machen, die zur reinen unterhaltung dient. es steckte von anfang an zuviel persoenlichkeit in unserer musik. so konnten wir viel voneinander lernen. es dient der ton zur kommunikation, d.h., musik sollte nie einseitig bleiben, sondern auch die empfaenger zu sendern machen.

frage 7:

ihr habt eure musik mal als "hasserfuellt" bezeichnet. ist das fuer euch eine art von ueberlebensstrategie, mit eurer musik eine art ideale gegenwelt zu konstruieren, von der aus ihr dann in kommunikation mit der als feindlich empfundenen aussenwelt tretet? fuehlt ihr euch verwandt mit aehnlichen haltungen von manchen hiphop-leuten?

zu frage 7:


generell wehren wir uns gegen das, was uns einengt. wir zerstoeren es, allerdings versuchen wir ansaetze anzubieten, aus dem zerstoertem etwas neues aufzubauen. es bleibt also nicht bei einer destruktiven haltung. bei unseren auftritten wird das ganze noch deutlicher, menschen und strukturen werden mit brachialer gewalt konfrontiert. gegen ende aber, loest sich diese verkrampfte haltung und laesst neue strukturen und ideen, auch in den koepfen der zuschauern, erkennen.

frage 8:


welche emotionale beziehung habt ihr zu technologie (nicht nur zur musikalischen)? geht es euch bei eurer klangforschung darum, so etwas wie ein "wesen" von frequenzen und transistoren aufzuspueren? wenn ja, ist 'digital' fuer euch gleichbedeutend mit 'leblos'?

zu frage 8:

wir sind mit technologie gross geworden. sie ist ein teil von uns. instrumente behandeln wir wie kinder, wir kommunizieren mit ihnen. als wir anfingen zu musizieren, gab es die digitale technik natuerlich schon, mit der es moeglich war, musik zu machen. doch war es fuer uns interessanter, mit analogen instrumenten zu arbeiten, weil sie, wie wir meinen, ein eigenleben haben. man kann es mit einem gedanken von beuys vergleichen: bei analogen elektronischen instrumenten, herrscht ein veraenderbarer, lebendiger zustand. bei digitalen instrumenten oder computern hingegen herrscht, wie wir anfangs dachten, ein kristalliner, abgestorbener, toter zustand. doch wir merkten bald, dass computer ebenso ein eigenleben haben, wie analoge instrumente. man kann sie auch nicht dazu verwenden zu einer seriellen musik zu gelangen, welche hoffnung auch stockhausen anfangs in die elektronische musik legte. auch computer sind instabil- das macht sie menschlich.

frage 9:

kraftwerk findet ja irgendwie jeder grossartig, aber wenige bezeichnen und verehren sie so wie ihr als quelle eurer inspiration, leuchtendes vorbild, mutter aller dinge. habe ich euch richtig verstanden, dass ihr sagen wuerdet, kraftwerk haben eine aehnlich elementare, fast schon metaphysische verbindung zu musikmaschinen und dem klang, den sie erzeugen, wie ihr?

zu frage 9:


wir konnten oft parallelen zwischen kraftwerk und uns erkennen. wir kamen zu bestimmten erkenntnissen in unserer arbeit, die wir in der musik von kraftwerk wiederfanden. ihnen gelang es, die musik zur technik zu schaffen. was das bedeutet, kann man sich heutzutage kaum mehr vorstellen. keiner, der sich mit dem ursprung und entwicklung der elektronischer musik beschaeftigt, kommt an kraftwerk vorbei. allerdings auch nicht an stockhausen, conrad schnitzler, herbert eimert und und und ...