general anzeiger (gea) reutlingen
redaktionsmitglied: ralf ressmann

das erfolgsrezept scheint einfach: man nehme einen computer. klaue sich ein paar hitverdaechtige geraeusche von einer cd-rom. mische einen gleichmaessigen und moeglichst schnellen bassschlag darunter - und morgen, spaetestens uebermorgen, kommt das ergebnis eines nachmittags am rechner in die charts. was in den anfangszeiten der elektronischen tanzmusik manchmal noch funktioniert hat, treibt bis heute tausende von jugendlichen ins produzentendasein.

egal wie experimentell die musik auch angelegt ist - ohne den blick auf die verkaufszahlen veroeffentlicht heute niemand mehr. mit ihrem projekt klangstabil sind maurizio blanco und boris may die beruehmte ausnahme von der regel. "am anfang haben wir nur platten gemacht, damit wir sie uns selbst in den schrank stellen koennen", erinnert sich may.

heute, fuenf jahre spaeter, haben die musiker gut 50.000 mark fuer geraete ausgegeben. zur zeit richten sie damit am reutlinger georgenberg ein zweites tonstudio ein. der traum von der grossen hitschmiede bleibt may trotzdem fremd, denn bevor er sich und seine "musik verkauft", will er "lieber ans fliessband". zwischen 300 und 500 stueck werden normalerweise von einer schallplatte oder cd der formation hergestellt. so machen das unzaehlige nachwuchsbands in der region auch. der unterschied: spaetestens bei "boehm - gott der elektrik" wurde deutlich, dass es mehr interessenten als vinylscheiben gab. eine nachpressung haben die musiker trotzdem abgelehnt.

eine schoene legende fuer einen schwierigen markt, mag mancher kenner der musikbranche denken. obwohl klangstabil inzwischen sogar bei vertretern der konkreten musik anerkannt sind und weltweiten respekt geerntet haben, ist ihre musik nicht besonders eingaengig: sehr experimentell, aggressiv und duester, sind die klaenge nicht das, was sich neben fantastischen vier und backstreet boys in den deutschen charts plazieren wuerde. die nachfrage in den plattenlaeden der region macht allerdings schnell deutlich, dass es tatsaechlich mehr interessenten als klangstabil-platten gibt.

boris may ist ein nachdenklicher mensch und wer sich auf die suche nach dem geheimnis dieser ungewoehnlichen verkaufsgrenzen macht, muss lange und oft fragen bis may eine klaerende antwort gibt: "geldverdienen ist nicht interessant. die musik ist wie unser kind und das verkauft man nicht." nach einer knappen stunde, in der sich das gespraech immer wieder um die gleiche frage dreht, findet der vergleich mit einem bildenden kuenstler seine zustimmung. auch in den werken klangstabils steckt ein gutes stueck ihrer persoenlichkeit. und so wollen may und blanco, dass ihre musik "etwas besonderes bleibt".

bis heute stempeln die produzenten die nummern auf ihren limitierten tontraegern noch selbst. nach einem blick in ihre aufzeichnungen wissen sie sehr schnell, wer welche platte zu hause hat. der grossteil geht an persoenliche freunde. wer es nicht schafft im internet (www.klangstabil.de) zu bestellen, kann auch im plattenladen glueck haben. ein paar scheiben bringt may dort noch persoenlich vorbei.

aehnlich wie bei der musik, hat der gelernte mediendesigner auch bei der gestaltung der cover und dem internet-auftritt besonders hohe ansprueche. verwirklicht werden diese ziele mit einer eigenen plattenfirma: megahertz ist jedoch nicht nur der name des labels. unter diesem pseudonym betreiben may und bandkollege blanco auch eine produktionsfirma fuer werbespots, industriefilme und web-seiten.

gleichzeitig entstand auf dem label eine plattform fuer nachwuchskuenstler, deren produktionen in groesseren stueckzahlen veroeffentlicht werden. einige dieser produzenten sind auch auf dem neuesten projekt aus dem hause megahertz: vor ein paar monaten wurde eine serie mit kassetten gestartet. alpha und beta sind bereits ausgekoppelt. am ende soll eine reihe mit allen buchstaben des griechischen alphabets stehen. das erste stueck stammt immer von klangstabil. danach folgen jeweils fuenf nachwuchskuenstler. trotz liebevoller gestaltung haben diese tontraeger einen haken: mit einer auflage von 100 stueck sind auch sie streng limitiert.