gothic magazine interview

Als BORIS und MAURIZIO Mitte der Neunziger das Projekt KLANGSTABIL aus der Taufe hoben, schrieben sie sich zu oberst den Kampf gegen die Anti-Kommunikation auf die Fahnen. Seither kämpfen sie in jeder Zeile dagegen an, dass wir verlernen miteinander zu sprechen. Alle Bereiche des Lebens trifft das mittlerweile. Vor vier Jahren entstand die Idee zu „Math & Emotion“ – der alte Kampf zwischen Ratio und Emotionen. Wo findet man den Zwiespalt treffender als bei einer Partie Schach. Darum ist das uralte Spiel Leitmotiv des neuen Albums. BORIS spricht endlich wieder mit uns.

Wie seid ihr auf das Jahr der Mathematik aufmerksam geworden?
Wie seid ihr auf das Jahr der Mathematik aufmerksam geworden? Das sieht so aus, dass wir irgendwo erfahren haben, dass das Bundesministerium vom Jahr 2000 bis 2008 Wissenschaftsjahre ausgeschrieben hat. Dann hab ich etwas darüber im SPIEGEL gelesen und dachte mir, dass jetzt was dazu rauskommen muss.  Dann war zusätzlich in Dresden die Schacholympiade und diesen Monat die Schachweltmeisterschaft in Bonn. Von Anfang an war klar für mich, dass das einfach zusammen passt. Durch das Schach Spielen haben wir gemerkt, dass es einfach viele Analogien zum normalen Leben gibt. Dann kam der Titel, weil wir beim Spielen gemerkt haben, dass viele Emotionen hochkommen, die man ja aber unterdrücken muss. Ähnlich wie beim Pokern, versteckst du deine Emotionen, um deine Züge nicht zu verraten. Deshalb eben Mathematik und Emotionen. Ein Computer machte das rationell und Menschen kann man ins Gesicht blicken und liest aus der Gestik und Mimik. Da spielt sich auf dieser Ebene viel, viel mehr ab. Wenn man mit einem Menschen ein Streitgespräch hat, dann ist da noch viel mehr als nur das Gespräch. Da ist die Wortwahl, die Taktik, um etwas zu erreichen. Das steckt da alles mit drin.

Was hat es mit dem Schachbrett im Booklet auf sich?
Jede Position auf dem Schachbrett hat ihren Sinn, sprich die spielenden Figuren, also die ersten beiden Reihen von oben und unten. Die weißen Spielfiguren in den Reihen A1 und A2 sind wichtige Menschen in unserem Tun. Dann gibt es da noch Namen auf den restlichen Positionen zwischen den Spielfiguren. Beispielsweise in Reihe A5 gibt es einen Familysquare. Das ist der ganz enge Freundeskreis und Familie, die uns ganz sehr am Herzen liegen. Mysquare steht für MAURIZIO und mich.

Was war die größte Herausforderung an „Math & Emotion“?
Die Dinge noch mehr auf den Punkt zu bringen und noch konkreter zu werden. Ich glaube, wir haben mit „Direct Talking Lyrics“ eine Form gefunden alles eins zu eins rüberzubringen. Es haben sich auch Dinge fortgesetzt. Ich habe viel Neues ausprobiert, aber auch viel Altes verlernt im Vergleich zum ersten Album. Damit habe ich aber auch Dinge komplett neu vergeben und es sollte auch etwas komplett Neues werden. Es sollte eine Stufe weiter gehen und dabei nicht besser oder schlechter werden. Außerdem sollte es neue Aussagen bringen. Gerade durch die Denkfaulheit und das Verstummen im Laufe der letzten Jahre, weil man keinen Bock mehr hat zu reden, war die größte Herausforderung das Maul wieder aufzumachen. Sich damit zu beschäftigen, dass man kommuniziert, dass man nicht untergeht und selbst zu Stein und stumm wird. Auch sich selbst Arschtritte zu geben. Sonst könnte man ja gleich wie ein Zombie rumlaufen. Das passiert ja schon jeden Tag.

Also siehst du deine Musik nicht als Ersatz für Kommunikation mit deinem Umfeld sondern als etwas Zusätzliches?
Nein, als Kommunikation selbst. Man schreibt auch Sachen auf, die man den Leuten schon lange sagen wollte. Da hängt ja auch die Gesellschaft mit dran. Dass man auch versucht eigene Probleme mit der Gesellschaft in den Griff zu kriegen. Man lässt schon einen Schrei an die Gesellschaft raus, indem man einfach sagt ‚So geht es nicht weiter’. Viele Leute schlucken das den ganzen Tag runter, weil sie kein Sprachrohr haben wie wir. Sie können sich auf keiner Bühne auskotzen. Das ist ja auch das Geile daran. Wir haben die Möglichkeit auf der Bühne alles raus zu lassen. Das ist unsere Freiheit. Auch Glück und eine Gabe. Deshalb versuchen wir auch Leute zu motivieren, dass sie nicht aufhören zu kommunizieren und immer weiter machen.

Kareen Reißmann