black interview

alles was an klangstabil stabil ist, ist ihre musikalische instabilitaet. der konzeptionelle ueberbau einer jeden ihrer veroeffentlichungen diktierte schon immer die klangliche endform. war es nun eine statische frequenz, die auf 5 minuten dauer ausgewalzt wurde, die technologischen beschraenkungen der gameboy-innereien oder die warme organo-elektronik, die um den dunklen grundton des ottfried preussler maerchens "krabat" gelegt wurde. immer steht die idee im vordergrund. das endprodukt muss selber sehen, wo es sich einordnet. mit "taking nothing seriously" praesentiert sich klangstabil im emotionalen retrogewand. unabsichtlich, wie man versichert. 90er dark electro a la project pitchfork schimmert in fast allen tracks des neuen albums durch die ritzen, die manchmal so breit wie kontinentalgraeben sind. warum und wie die sperrigen experimentalheroen, ueberraschenderweise auch fuer sie selbst, gerade dort angekommen sind, erklaeren maurizio blanco und boris may im folgenden interview.

black: beginnend mit euren compilationbeitraegen fuer pflichtkauf und spaetestens mit der lp "kantorka" koennte man eine veraenderung im soundbild von klangstabil hin zu mehr songstruktur bzw. melodie erkennen - wie kam es zu dieser entwicklung, weg von dieser statik und monotonie alter klangstabil-tugenden?

klangstabil: wir arbeiten inzwischen laenger an unseren tracks, was auch damit zu tun hat, dass wir heute hauptsaechlich mit dem computer produzieren. frueher haben wir einfach nur "rohmaterial" auf platte gepresst, was die tracks dann vielleicht statisch oder monoton wirken laesst, fuer uns waren aber diese rohlinge wichtige schritte, mit denen wir uns, unserem sound bewusst wurden und so, etwas neues entstehen lassen konnten. es wird inzwischen von einem uniquen sound geredet, wenn es um klangstabil geht und das macht uns sehr stolz.

black: auf dem aktuellen album "taking nothing seriously" erreicht diese entwicklung ihren bisherigen hoehepunkt - was hat euch veranlasst, jetzt auch noch mit vokals zu arbeiten? mich erinnerte vor allem die "kantorka"-lp fatal an fruehe vomito negro und kollege schroeder findet das aktuelle album als "halbes project pitchfork"-werk - ward ihr euch bereits der aehnlichkeit zur musik des dark wave-bereichs der fruehen 90er bewusst?

klangstabil: ich muss ganz ehrlich sagen, was mir und maurizio meistens keiner glaubt, wir haben keine ahnung von den genannten projekten. maurizio wurde vor kurzem auf projekt pitchfork angesprochen, der hat sich das dann mal angehoert und mich ganz erstaunt angerufen, da sind ja wirklich aehnlichkeiten. war aber nicht unsere absicht. unsere absicht war auch nicht irgendein bestimmtes publikum zu erreichen. der sound kam einfach so.

black: was war fuer euch der reiz dieser uebergrossen emotionalisierung der musik durch streicher und dark wave-elemente?

klangstabil: ich denke fuer die emotionalitaet ist hauptsaechlich die stimme verantwortlich. wir haben uns ueberlegt, wie man gefuehle so authentisch wie moeglich vermitteln kann und haben hierfuer das "direct talkin lyrics"-konzept entwickelt. direct talkin lyrics bedeutet nichts anderes, als texte direkt zu sprechen. die stimme wurde neu gewichtet, in dem wir sie oft unbehandelt liessen und die texte moeglichst in einem durchgang aufgenommen haben um auch die steigerung der wut, die auseinandersetzung mit der emotion, die sich aus dem gesprochenem wort ergibt und die erschoepfung der kraefte zu vermitteln - man laesst den hoerer an allem teilhaben, was auch der reiz an der sache war. die musik dient hier mehr zur untermalung. ich denke es wird deshalb als "uebergrosse" emotionalisierung vernommen, weil es, eingebunden in einer gewohnten songstruktur, eher unmoeglich ist, emotionen "echt" rueberzubringen.

black: wie stark kann ein klang ein gefuehl transportieren ohne in pathos zu verfallen?

klangstabil: interessante frage, keine ahnung.

black: interessant ist doch die frage, warum ihr beim aehnlichen sound von project pitchfork angekommen seid. aehnliche gefuehlswelt bedeutet gleich aehnliche soundwelt?

klangstabil: ich denke schon, dass man das so stehen lassen kann. schliesslich ist musik kommunikation und egal in welcher sprache man etwas zum beispiel traurig ausspricht, wird es als traurig verstanden.

black: wuerde euch vielleicht eine nicht-elektronische herangehensweise den selben wirkungsraum ermoeglichen?

klangstabil: ja, wir koennten auch zum beispiel nur die texte von der "taking nothing seriously" vortragen. die intensitaet waere die selbe, vielleicht sogar staerker.

black: was erwartet ihr euch von "taking nothing seriously" und wie hat der typische ant-zen-kunde dieses werk bzw. eure entwicklung bisher aufgenommen?

klangstabil: ich denke, wir wurden vom "typischen" ant-zen kunden bis jetzt geschaetzt, als jemand, der nicht konform ist. ant-zen traegt hierfuer seinen teil bei, in dem er uns alle freiheiten laesst. die leute sind aufgeschlossen gegenueber unseren arbeiten, auch wenn sie nicht immer gefallen daran finden, aber sie wissen, dass klangstabil nicht stehen bleibt. die "taking nothing seriously" ist ein weiterer schritt fuer klangstabil und ermoeglicht uns eine tour zu machen. naechstes jahr werden wir wahrscheinlich zum ersten mal eine tour in kanada machen und wie es aussieht wieder in den usa ein paar gigs spielen. aber eigentlich wollen wir in die andere richtung - nach japan und hoffen, dass wir hierfuer einen geeigneten promoter finden, vielleicht koennt ihr uns ja dabei helfen?! was ich damit sagen will, wir erwarten nichts grosses von dem album, wir wollen nur wieder ein paar neue leute und neue laender kennen lernen und zusammen spass haben. eine tour
bedeutet auch, zeit gemeinsam zu verbringen, was mir am wichtigsten ist.

black: warum gerade live nach japan - was reizt euch neben der fremde gerade das land der aufgehenden sonne (der salt traeumt auch immer davon)?

klangstabil: warum wir alle so darauf abfahren, weiss ich auch nicht genau. wir wollen einfach hin. ich denke der mix der alten traditionellen und der verrueckten neuen kultur macht japan so interessant. ausserdem ist japan ein ziemlich aufgeschlossenes land fuer musik aus dem ausland.

black: warum erscheint das lange angekuendigte album "kopfmusik" nun doch nicht und welches konzept lag diesem eigentlich zu grunde?

klangstabil: kopfmusik wurde nach langen hin und her letztes jahr gestoppt von uns. es sollte etwas neues werden und es entstanden auch fuenf stuecke, bei dem nur eins, "vertraut," auf dem maschinenfestsampler 2002, veroeffentlicht wurde. wer es kennt, weiss das darin ein gespraech zwischen mir und einer psychotherapeutin zu hoeren ist, die ich vor 5 jahren aufgesucht habe. damals wollte ich ein paar dinge in meinem leben ordnen und sachen besprechen, ueber die ich, mit sonst niemanden sprechen konnte. es ging in erster linie um meine freundin, die sich von mir damals gerade getrennt hatte. ich habe alle dreissig sitzungen auf minidisk aufgenommen, natuerlich im wissen der therapeutin und versucht, die dialoge in musik umzusetzen. als eine rohversion von "vertraut" dann vorab, auf dem maschinenfestsampler erschien und immer mehr private anfragen kamen, mit der bitte, das ganze material zu bekommen, wurde mir das alles zu heftig. ausserdem hatte ich auch eine verantwortung, gegenueber meiner exfreundin, die ich damit nicht verletzen wollte. kopfmusik ist ein teil von uns und war auf jeden fall vorreiter, fuer das "direct talkin lyrics"-konzept, aber veroeffentlicht wird es sicher nie.

black: ebenso lange angekuendigt euer remix-album "angst" - wann wird dieses erscheinen und was koennt ihr uns darueber interessantes sagen?

klangstabil: "angst" hat keine zeitliche deadline. bewusst haben wir kein releasdate vorab genannt, da wir, was die bandauswahl und entwicklung der platte (cover, tracks, etc.) betrifft uns noch alles offen lassen wollen. "angst" wird ein remix-album von veroeffentlichten und unerveroeffentlichten klangstabil-material. wir hatten viele interessante bands im "bewerbungs-pool. eine vorab-auswahl steht seit geraumer zeit auch auf der klangstabil-webseite online, was aber nicht die finale bandauswahl darstellt. warum angst? na weil es im wort klangstabil vorkommt.

black: besonders angetan (ganz im gegensatz zu euren gameboy-experimenten) bin ich noch immer von eurer "kantorka"-lp, welche sich mittels sprachsamples tief in die sagen- und maerchen-welt begibt - was war dabei euer anliegen?

klangstabil: grundlage der "kantorka" war das buch "krabat" von ottfried preussler (schrieb unter anderem auch "raeuber hotzenplotz", "die kleine hexe"...). es gab auch einen tschechischen zeichentrickfilm davon, aus dem auch die samples sind. der film hatte mich als kind so beeinflusst, dass ich jahrelang darauf wartete, bis er wieder gesendet wurde, kam aber nie. irgendwann hab ich beim zdf angerufen und die meinten, dass der film aufgrund seiner angsteinfloessenden bilder, nicht mehr im kinderprogramm gezeigt werden durfte. ich hab mir dann den film von einem vertrieb besorgt. die grafik auf dem "kantorka"-cover stammt aus dem buch, das von herbert holzing gestaltet wurde, den hab ich damals angerufen und gefragt, ob er fuer uns ein cover machen will und ob er mir hilft auch die erlaubnis von ottfried preussler zu bekommen, fuer die textpassagen. die erlaubnis bekamen wir, aber kein cover, da herbert holzing ein halbes jahr spaeter leider verstorben ist. ich hab dann von seinem sohn, die rechte fuer ein bild aus dem buch bekommen, dem wir dafuer sehr dankbar sind.

black: ihr als monochronisten plant ja weit im voraus und so habt ihr auch schon ein sogenanntes "orff"-projekt und ein hoerspiel angekuendigt - was steckt hinter diesen plaenen jeweils fuer ein thema?

klangstabil: beide projekte sind erst mal auf eis gelegt. bei dem "orff"-projekt war geplant, eine platte hauptsaechlich mit orff-instrumenten zu gestalten, vielleicht sogar in zusammenarbeit mit kindern, um von ihrer herangehensweise zu lernen und neue rhythmen zu entwickeln. (die "kantorka"-platte ist unter anderem von der orff-idee beeinflusst.) das hoerspiel muss auch noch ein wenig warten, weil es noch keine geeignete buchvorlage gibt. vielleicht schreibt und schickt uns ja jemand mal eine buchvorlage, die uns gefaellt und die wir dann vertonen koennen. das thema des hoerspiels sollte "zuflucht" sein, oder eigentlich die erkenntnis, dass es keine zuflucht gibt.

black: ein obligatorischer black-standart zum schluss ist immer die frage nach euren aktuellen top 5-alben, welchen ihr zu zeit gerade gehoer schenkt?

klangstabil: erstens die vorabversionen der neuen diorama-scheibe und das wird der hammer! dann if "a portrait of a dead girl”, gridlock "formless”, goblin "tenebrae” und gonzales "presidential suite".

black: wir danken klangstabil fuer dieses interview und wuenschen fuer die zukunft alles gute. des weiteren geht dank an ant-zen fuer ihre unterstuetzung.

(till schroeder & marco fiebag)